2015.11.27 - Limmattalerzeitung - David Hunziker - "René Gubelmann ist nur so konkret wie nötig"

Das Konkrete

René Gubelmann legt den Malstock über die Leinwand, setzt den Pinsel an und fährt einer präzisen Linie entlang. «Man sieht, dass das Bild von Hand gemalt wurde, aber so soll es auch sein», sagt er. Im Leben des Dietiker Künstlers dreht sich alles um Präzision. Kein Wunder also, dass er sich um die Jahrtausendwende der konkreten oder, wie sie auch genannt wird, konstruktiven Kunst zugewandt hat. «Konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Mass und Gesetz», schrieb der bedeutende Zürcher Künstler Max Bill einmal. Die Idee: Auf der Leinwand sollen Farben und Formen keine Objekte dieser Welt abbilden, sondern für sich selbst stehen. Alles Sinnliche, Natürliche soll aus der Kunst verschwinden.

Das Sinnliche

Bei aller Präzision: So genau nimmt es Gubelmann dann doch nicht mit den Dogmen der konkreten Kunst. «Darum mögen mich viele Konkrete auch nicht», schmunzelt er. Wenn man es genau nimmt, sind seine Bilder sogar äusserst sinnlich. Die vielen farbigen Parallelogramme, die meist in Reih und Glied über Gubelmanns Bilder tanzen, stellen nämlich einzelne Schlagzeugbeats eines Musikstücks dar. Manchmal bilden sie eine Serie von Takten, manchmal nur einen Ausschnitt aus einem längeren Beat. Diese Beats liegen Gubelmann im Blut. Während seines Studiums an der Kunstgewerbeschule in Zürich studierte Gubelmann gleichzeitig auch klassisches Schlagzeug am Konservatorium. Seit vielen Jahren ist seine Faszination für Rhythmen eine unstillbare Quelle der Inspiration und bildet die Basis fast all seiner Werke. Bei deren Umsetzung ist Gubelmann ganz Systematiker.

Das System

Normalerweise steht sein Schlagzeug mitten in seinem Atelier. Doch dieser Tage herrscht an der Vorstadtstrasse 29 Ausnahmezustand. Bald öffnet Gubelmann seit längerer Zeit wieder einmal für drei Tage sein Atelier für Besucher. «Ich weiss nicht, ob ich rechtzeitig fertig werde», sagt er und zeigt auf ein hochformatiges Bild, auf dem kleine Zettelchen mit Notizen kleben. Die Zettelchen markieren unfertige Stellen. «Die Fertigstellung dieses Bildes wird wohl noch einen ganzen Tag in Anspruch nehmen», so die Einschätzung des Künstlers.
Wenn das Schlagzeug im Atelier steht, bildet es den Ausgangspunkt von Gubelmanns Arbeitsprozess. «Ich spiele, suche nach einem Beat der mir gefällt und setze ihn grafisch um», beschreibt er sein Vorgehen. Das Grundsystem ist dabei immer das gleiche: Schläge mit der rechten und der linken Hand stellt er mit unterschiedlich ausgerichteten Parallelogrammen dar. Deren Breite entspricht der Länge des Tons. Für Triolen gibt es eine eigene Form. Mithilfe eines Rasters überträgt der Künstler die geometrischen Formen auf die Leinwand. Unabhängig vom zugrundeliegenden Rhythmus entwirft Gubelmann auf der Basis der zwölf Farben des Farbkreises ein harmonisches Farbkonzept und füllt die vorgezeichneten Formen der Reihe nach aus. «Ich arbeite immer von hell nach dunkel, dann kann ich allfällige Mängel noch korrigieren.» Jede Fläche erhält mindestens vier Anstriche. An einem Bild arbeitet Gubelmann etwa einen Monat.

Der Künstler als Bastler

In einem Raum seines Ateliers hat sich Gubelmann eine kleine Werkstatt eingerichtet. Hier fertigt er Objekte aus federleichtem Balsaholz, zimmert Bilderrahmen und macht Objekte mit speziellen Lacken licht- und wetterfest. «Als Künstler bin ich auch Bastler und Erfinder», sagt er. Dass Gubelmann Handwerk höher gewichtet als abgehobene Inspiration, passt zu seinem Arbeitsethos. Grundsätzlich arbeitet er jeden Tag: «Freitage und Feierabend kenne ich eigentlich nicht.» Um halb acht Uhr morgens beginnt er zu malen, macht eine kurze Pause über Mittag und eine längere für ein ausgedehntes Abendessen mit seiner Frau. Danach setzt er sich oft bis spätabends erneut hinter die Leinwand. Manchmal läuft dann im Hintergrund leise die Sendung «10 vor 10» oder Radio Swiss Jazz.

Text: David Hunziker; bearbeitet und gekürzt: RG