2012.05.20 - Limmattal Der Sonntag - Bettina Hamilton-Irvine - Sonntagsgespräch mit René Gubelmann

Herr Gubelmann, das Jahr 2007 war für Sie ein Jahr der Superlative: Sie bekamen den Dietiker Kulturpreis verliehen, haben das Big-Band-Festival lanciert und wurden zum Limmattaler des Jahres gewählt. Seither war Ihnen das Glück aber nicht immer so hold.

Ja, ich litt längere Zeit unter den Folgen einer Blutvergiftung und war mehrmals im Spital. Aber unterdessen habe ich es wieder im Griff.

Sie wirken auch wieder voller Energie.

Ja, im Moment habe ich wieder eine sehr gute Phase. Doch ich musste schwer kämpfen. Das Schlimmste war, dass ich gleichzeitig noch mit dem Rauchen aufgehört habe.

War das ein Krampf?

Es war nicht einfach, nach 40 Jahren als Raucher. Nach zwei Jahren leide ich immer noch, habe oft Lust auf eine Zigarette. Ich versuche mich abzulenken, zum Beispiel mit Gartenarbeit oder Musikmachen. Das Malen hingegen ist ganz gefährlich, weil ich früher dabei immer geraucht habe.

Mussten Sie durch die Krankheit auch eine künstlerische Schaffenspause einlegen?

Ich habe immer irgendetwas gemacht. Aber effektiv etwas Neues entwickeln konnte ich in jener Phase nicht. Das hat mir gewaltig gestunken, denn ich will ja nicht stehen bleiben. Ich muss immer wieder etwas Neues schaffen, sonst werde ich unruhig.

Sie haben sehr viel kreative Energie. Hat es Sie geärgert, dass Ihre Entwicklung eine Weile lang blockiert war?

Gelinde ausgedrückt hat es mich geärgert (lacht).

Man könnte auch sagen, es hat Sie wahnsinnig gemacht?

Ja, ja, (lacht). Im Nachhinein kann ich selber darüber lachen, aber es war wirklich eine schwierige Zeit.

Jetzt sind Sie aber wieder mit neuen Projekten beschäftigt. Soeben ist Ihre neue Ausstellung angelaufen.

Genau. Ich habe ganz kurzfristig die Chance bekommen, in der Zürcher Galerie a16 meine neuen Objekte auszustellen und musste die natürlich nutzen. Schliesslich ist das einer der besten Plätze in Zürich, drei Minuten vom Hauptbahnhof und umgeben von guten Galerien. Das ist sehr spannend für mich.

Was erwartet die Besucher in der neuen Ausstellung?

Ich stelle einen Teil meiner Objekte aus - hauptsächlich bemalte Würfel.

Die Würfel erinnern in ihrer Fröhlichkeit und Farbigkeit stark an Ihre Bilder.

Meine aktuellen Werke sind tatsächlich alle sehr farbig. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen, da geschieht etwas.

Können Sie das zuordnen, woher die Farbigkeit kommt?

Ich habe einfach Lust darauf. Natürlich habe ich im Hinterkopf noch andere Ideen, die ich zurzeit hintenan stellen muss. Aber im Moment passt mir das Farbige und ich fühle mich gut dabei.

Sie haben sich vor allem durch Malerei und Musik einen Namen gemacht. Mit den Objekten begehen Sie Neuland.

Ja, die Objekte sind Teil einer Neuorientierungsphase. Als Schlagzeuger habe ich mich immer mit dem Fundament der Musik beschäftigt. Früher malte ich Musik-Bilder, bei denen es darum ging, Farbtöne in Musiktöne umzusetzen. Heute konzentriere ich mich auf Rhythmen und habe ein System dazu entwickelt. Die Objekte sind so farbig, weil ich mich hier nicht einschränken muss. Denn die Farbgebung ist meine Intuition, während die Formgebung anhand meines Systems gegeben ist. Doch hier zeichnet sich eine neue Dimension in meiner Kunst ab. Ich habe Bilder kreiert, die weder quadratisch noch rechteckig sind und eine andere Dynamik haben.

Die Objekte sind Teil einer Gesamtentwicklung, die Sie durchlaufen?

Genau.

Sie haben nicht bewusst danach gesucht, etwas Neues zu kreieren?

Nein, es hat sich einfach so ergeben.

Versuchen Sie bewusst, sich als Künstler immer wieder neu zu erfinden oder sind sie einfach neugierig?

Sie haben das richtige Wort gewählt: Ich bin sehr neugierig. Daher habe ich den optimalen Beruf. Wenn ich an ein neues Projekt herangehe, ist das Interessante daran die Frage: Gelingt es oder gelingt es nicht? Der Rest ist nur noch Geduldsarbeit. Das ist für mich dann eigentlich auch nicht mehr lustig, dann suche ich wieder nach etwas Neuem.

Sie sind immer wieder auf der Suche nach einem neuen Kick?

Genau. Damit hetze ich mich auch selber.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, der künstlerische Prozess sei für Sie oft ein Stress. Ist das kreative Schaffen für Sie kein Genuss?

Das würde ich nicht so sagen.

Was treibt Sie denn an?

Das weiss ich nicht (lacht). Wohl innere Unruhe.

Doch etwas daran muss Sie glücklich machen, sonst würden Sie es nach so langer Zeit nicht immer noch machen, oder?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin gar nicht unzufrieden damit. Ich habe viele Ideen, die ich realisieren will. Aber es läuft auch nicht immer alles so, wie ich es mir vorstelle.

Weil Sie ein Perfektionist sind?

Das bin ich auf jeden Fall. Das ist ohnmächtig (lacht). Ich mache mir das Leben selber schwer. Alle diese präzisen Linien in meinen Bildern und Objekten sind von Hand gemalt, in einem komplexen Verfahren. Ich kann nicht einfach schnell, schnell ein Bild malen.

Wissen Sie zu Beginn schon genau, wie ein fertiges Werk aussehen muss?

Ja. Wenn es nicht genau so wird, wie ich es mir vorgestellt habe, werfe ich es fort.

Sie sind streng mit sich.

Oder ich übermale es.

Die künstlerische Arbeit ist oft einsam. Arbeiten Sie gerne allein?

Ja, ich arbeite gerne allein. Ich würde zwar manchmal gerne mit einem Team arbeiten. Doch meine Ansprüche an die anderen sind so hoch, wie meine Ansprüche an mich selber.

Und das wollen Sie den Leuten nicht antun?

(lacht) Ich habe es auch schon versucht, aber mir geht dann alles zu wenig schnell. Wenn ich merke, etwas funktioniert, dann will ich es durchziehen.

Sie sagten einmal, Sie hätten keine Nerven für Strandferien. Können Sie sich irgendwie von dieser Unruhe erholen, die Sie antreibt?

Eben nicht. Ich musste vorgestern im Garten arbeiten und dachte mir: Eigentlich sollte mir das Spass machen, ich sollte es in Ruhe machen und geniessen können. Aber so ist es leider nicht. Obwohl ich jetzt bald 65 Jahre alt bin, habe ich das noch nicht gelernt.

Sie denken bereits wieder ans nächste Projekt?

Ja, ja. Ich sehe überall Arbeit.

Wie entscheiden Sie, welches Projekt Sie als nächstes angehen?

Ich dränge in die Richtung, in die ich mich bewegen will. Aber es kommt mir auch immer etwas dazwischen.

Hindert Sie der Gedanke, dass Sie mit Ihrer Kunst auch Geld machen müssen, manchmal?

Ja, in der Zeit, in der ich krank war, hat mich das blockiert. Als Freischaffender kommt dann kein Geld rein, zudem haben mich die Behandlungen einen Haufen Geld gekostet. Ohne feste Anstellung wir das schnell zum Problem.

Neben Ihrer Kunst sind Sie noch in einige andere Projekte involviert. Das Big-Band-Festival, welches Sie initiert haben, geht dieses Jahr in die 5. Runde. Enttäuscht es Sie, dass es nur noch an einem Tag stattfindet?

Die Stadt hat das Festival adaptiert, weil es eine Marktlücke war. Dafür bin ich dankbar. Doch natürlich haben wir unterschiedliche Arbeitsweisen. Ich denke, man hätte mit gleich viel oder weniger Geld auch noch etwas mehr aus dem Festival machen können. Aber die Stadt hat sich nun entschieden, das Festival zu verkürzen, um so auch den administrativen Aufwand auf ein Minimum reduzieren zu können.

Hätte man nicht noch etwas mehr Geduld gebraucht, bis sich das Festival auch an zwei Tagen etablieren konnte?

Sicher. Das hätte ich gerne gesehen.

Aber das Festival macht Ihnen noch Freude?

Ja, klar. Es ist mir vor allem ein grosses Anliegen, dass die Jungen eine Plattform bekommen. Denn der Wettbewerb ist für mich klar das Herzstück des Festivals. Das sieht auch Pepe Lienhard, der das Patronat hat, so. Es gibt sehr viele gute junge Jazzmusiker, die noch viel besser sind als wir damals waren.

Ist Big-Band Musik bei den Jungen heute noch ein Thema?

Bei gewissen auf jeden fall. Aber heute gibt es nicht mehr die Möglichkeiten, die wir früher hatten. Es gibt kaum noch Profibands. Ich hatte das Glück, dass ich in der DRS-Big-Band spielen konnte oder mit Hazy Osterwald. Doch diese Vorbilder sterben aus. Und die Jazzclubs gehen auch ein. Ich habe früher bei der Kulturkommission immer darauf gedrängt, dass wir in Dietikon etwas machen, zum Beispiel einmal in der Woche Jazz im Stadtkeller. Doch das hat nie geklappt.

Fehlt Ihnen das in Dietikon, mehr kulturelle Strukturen und Treffpunkte?

Ja, auf jeden Fall.

Was wünschen Sie sich zusätzlich an kulturellen Anlässen?

Dietikon müsste noch offener sein für neue Ideen. Wenn die Stadt etwas nicht will, dann will sie es nicht. Aber das ist, wie es ist, ich will mich darüber nicht mehr ärgern.

Müssen kulturelle Initiativen zwingend über die Stadt laufen?

Nicht unbedingt. Es gibt in Dietikon ganz gute Leute mit guten Ideen. Es gibt immer wieder interessante Projekte, aber es braucht Ressourcen und Energie sowie geeignete Räume. Der Plastiker Josef Staub und ich haben lange gekämpft wie die Löwen, haben eine Alternativorganisation zur Kulturkommission gegründet. Wir haben alles versucht und gemerkt, es wäre so viel machbar. Doch natürlich spielt auch immer das Geld eine wichtige Rolle und macht die Sache schwieriger.

Trotzdem sind Sie Dietikon immer treu geblieben.

Ja, klar. Ich hänge an Dietikon.

War Ihnen Dietikon nie zu klein?

(zögert) Nein. Am Ende kommt es nicht darauf an, wo man arbeitet. Klar kann es inspirierend sein, wenn man an einem Ort arbeitet, an dem man umgeben ist von anderen Künstlern. Aber ich arbeite sowieso allein und würde das nicht mehr ändern wollen.

Sie werden dieses Jahr 65 Jahre alt. Sie tragen sich aber offensichtlich nicht mit dem Gedanken, sich bald zur Ruhe zu setzen?

Absolut nicht. Ich habe auch noch nie von einem Künstler gehört, der pensioniert wurde (lacht).

Sie haben nicht die Absicht, einen Gang runterzuschalten?

In keiner Art und Weise. Ich habe noch ganz viele Ideen, die ich umsetzen möchte.

René Gubelmann (64) ist ein Ur-Dietiker: Er wohnt heute noch mit seiner Frau, Ruth Lustenberger, in der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Er ist freischaffender Schlagzeuger und Maler. Zurzeit bemalt er jedoch vor allem Objekte und spielt wieder vermehrt Vibraphon, zum Beispiel an Firmenanlässen und Events. René Gubelmann wurde im Jahr 2007 von der Stadt Dietikon mit dem Kulturpreis ausgezeichnet und im selben Jahr von den Lesern der az Limmattaler Zeitung zum 'Limmattaler des Jahres' gewählt. Er ist zudem Initiator des Big-Band-Festivals Dietikon.

Text bearbeitet und gekürzt; RG