2003.11.20 - John Matheson - Rede anlässlich der Vernissage 'For Drummers only?' - Galerie Basler&Hofmann, Zürich

For drummers only?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Bilder und Plastiken von René Gubelmann in den Umkreis oder in der Nachfolge der 'Zürcher Konkreten' (Max Bill, Richard P. Lohse) einordnen zu können. Doch weit gefehlt! Sie sind Notationen, aber nicht auf allen Instrumenten spiel- oder gar singbare Noten, sondern die einzelnen Elemente seiner Arbeiten sind Symbole für Rhythmen. Sie sind eigentliche Partituren für Schlaginstrumente. Was Sie eben gehört haben, ist nichts anderes als die Umsetzung des Bildes 'Dynamische Verdichtung' hinter mir. Dabei stehen die grünen Farbtöne für die linke, die roten für die rechte Hand. Zwischenbemerkung: Ähnliches 'spielt' sich in den Plastiken ab: Die Diagonale von links nach rechts steht für die eine, die von rechts nach links für die andere Hand. Und weiter - und das gilt für alle seine Bilder: Eine einfache Diagonale ist ein 1/16 Schlag, ein Rhombus steht für einen 1/8 Schlag. Die grauen Flächen illustrieren die Lautstärke des einzelnen Trommeleinsatzes. Bleibt als Fremdpunkt die Farbe Schwarz, die mit dem musikalischen Geschehen als einzige nichts zu tun hat, denn Schwarz ist ein Farbelement, welches den Schlagschatten der einzelnen Rhythmus-Symbole bezeichnet. 

'For drummers only?' nennt er seine Ausstellung. Sind seine Bilder wirklich nur für Schlagzeuger? Sind also die Rhythmen Grundlage für die Bilder oder ist es vielleicht genau umgekehrt? Die Frage, was zuerst war, lässt sich nicht eindeutig feststellen und ist auch eher unwichtig. Entscheidend ist für den Moment etwas anderes: René Gubelmann ist eine Doppelbegabung, denn er hat eine Ausbildung für klassisches Schlagzeug am Konservatorium Zürich erhalten und absolvierte zeitlich parallel die Malerfachklasse an der damaligen Kunstgewerbeschule Zürich. Er hat sowohl in der Tonhalle als auch am Opernhaus gespielt – besser getrommelt. Er war der Schlagzeuger der ehemaligen DRS-Big-Band. Noch heute übt er diese beiden Funktionen gleichzeitig aus: Einerseits spielt er in verschiedenen Jazz-Kleinformationen und unterrichtet in Dietikon, seinem Wohn- und Arbeitsort, an der Berufsschule Dietikon 'Airbrush-Malerei'.

Exkurs

Doppelbegabungen Musik-Malerei sind gar nicht so selten. Einige wenige Beispiele sollen zur Erläuterung dienen: Paul Klee hat lange gezaudert, welchen Beruf er ausüben wolle. Als Musiker war er ein – so erzählen Ohrenzeugen – technisch hervorragender Geiger. Doch musste oder durfte er nur die aufgeschriebenen Noten interpretieren. Als Maler hingegen konnte er seine Phantasie frei entfalten. Das Gegenteil dazu ist Arnold Schönberg, bahnbrechend als Komponist in der Zwölftonmusik, aber als bildender Künstler erscheinen seine Werke eher dilettantisch. Es gibt noch einen anderen Aspekt. Der Schweizer Maler Robert Strübin benutzte in seinen Musikbildern für jeden Ton eine bestimmte Farbe und drückte deren rhythmische Struktur durch unterschiedliche Längen aus. Seine Interpretationen von Werken Bachs oder Chopins bestechen durch ihre Farbigkeit, doch bringen sie die Melodien nie wirklich zum Klingen. An der Synästhesie Musik/Malerei sind die Russen des frühen letzten Jahrhunderts genial gescheitert, sei es Skrjabin, sei es Matjuschin oder sei es Wyschnegradsky. Aber dem steht entgegen: Dave Brubeck, der bekannte Jazz-Pianist, hatte, ausgehend von einem Gemälde des grossen spanischen Surrealisten Joan Mirò, um 1960 'Time Further Out' aufgenommen, in dem er die irgendwie absurden Zahlenreihen auf dem Bild als Basis benutzte für seine Kompositionen, die er in eher ungewöhnlichen 5/4 Takten oder gar 7/4-Takten einspielte. Also unmögliche Rhythmen - so denkt man. Doch genug der Namen und Beispiele, zurück zu René Gubelmann. 

Ich habe zu Beginn meiner Ausführungen die 'Zürcher Konkreten' erwähnt. Zu diesen gibt es aber grosse Unterschiede: Einmal technischer Natur, denn erstere kleben ihre Farbfelder ab, während René Gubelmann diese frei aus der Hand malt. Weisen die Bilder der 'Konkreten' nie oder kaum jemals räumliche Tiefe auf, so bestechen René Gubelmanns Werke eben durch ihre Tiefe und er erzielt kristallklare Kompositionen. Zur Farbgebung nur soviel: Selbstverständlich geht er von der rhythmischen Grundstruktur aus, denn z.B. eine brasilianische Taktabfolge kann nun einmal nicht mit dunklen Farben gemalt werden. Ferner - alle seine Bilder haben Titel - die immer irgendetwas mit der Musiksprache zu tun haben. So etwa bezeichnet 'Paradiddle' in der Schlagzeugsprache eine Eselsbrücke. Die Triolen sind übrigens das einzige nicht streng konstruktive Element in seiner Bildsprache. Ihn, den rhythmisch begabten Musiker/Maler, der übrigens selbst eine Musikschule 'Rhythmus/Notenlesen' verfasst hat, treibt es an, den Rhythmus umzusetzen in seiner Malerei. Konsequent in der Richtung, dass er keine spielbaren Melodien 'malt', sondern eben nur Rhythmen. Es sind keine Notenschriften, sondern eher grafische Codes für die Ganz-/Halb-/Viertel-/Achtel-/Sechzehntel-Werte. Hinzu kommen die Pausen, die Stille also, wenn in seinen Bildkompositionen urplötzlich eine Stelle leer bleibt, also kein geometrisches Element erscheint. Ein Schlagzeuger, der still spielt, Entschuldigung, still malt! 

René Gubelmann beschränkt sich also auf ein Thema, eben 'Rhythmus' und dieses bildlich umzusetzen, ermöglicht es ihm, seine Ideen sowohl auf der Fläche als auch auf dem Schlagzeug zu realisieren. Wir Betrachter können beim Sehen unwiderstehlich in den Zustand des Füssewippens oder des Fingerschnippens gelangen, dann aber bitte im Takt. 

Ich schlage den Bogen zurück zur 'Dynamischen Verdichtung', also zum Titelbild und dem zur Einführung gespielten Thema - langsam, fast bedächtig. Aber René Gubelmann kann auch improvisieren - und was, vom Bild ausgehend, spielbar alles möglich wird, das können Sie jetzt hören.

Text bearbeitet und gekürzt; RG