2002.03.19 - Peter Killer - Rede anlässlich der Vernissage 'Kunst im Buchenhof' Aarau

Vernissage 'Kunst im Buchenhof'

Jeder dritte Vernissageredner beginnt seine Ausführungen mit dem Satz: "Es ist schwierig über Herrn/Frau Sowieso zu reden" und plaudert dann munter darauf los, als wäre es gar nicht so schwierig. Erlauben sie mir den fast gleichen Einstieg, nur etwas ambitiöser verpackt. Der berühmteste Satz von Sokrates lautet: "Ich weiss, dass ich nicht weiss". Diese Erkenntnis ähnelt wiederum jener Sentenz, die man hört, wenn Laien mit sogenannten Fachleuten über Kunst diskutieren. Stereotyp beginnt der Laie: "Ich verstah zwar nüüt vo Kunscht, aber..." Nach diesem 'aber' wird mit grösster Gewissheit erklärt, was Kunst zu sein hat, was Künstler zu tun haben. Zwischen dem Kunst-Laien und dem Kunst-Fachmann gibt es folglich nur 'einen' wesentlichen Unterschied: Der Laie weiss, was Kunst ist, und der Kunstfachmann weiss es nicht - bzw. hat der Fachmann oder die Fachfrau gelernt, dass ein echtes Kunstwerk nie das ist, was es auf den ersten Blick vorzugeben scheint. 

Nun vom Allgemeinen zum Speziellen. René Gubelmanns Bilder sehen ähnlich aus wie Werke anderer geometrischer Künstler. Präzise gemahlt, klare Formen die definierten Ordnungen folgen. Mit den berühmtesten Schweizer Konstruktivisten wie Bill, Lohse, Graeser ist René Gubelmann fern verwandt, aber nur fern, da diese bekanntlich ihre Werke ausnahmslos innerhalb eines Rechtwinkelsystems aufbauten. Der erste Blick täuscht auch hier. Bei René Gubelmann geht es nicht um die Liebe zur Geometrie. Um was geht es? 

René Gubelmann. 1947 in Zürich geboren, fühlt sich seit seiner Kindheit zur Malerei ebenso stark hingezogen wie zur Musik. Nicht unbedingt zur Melodie, nicht unbedingt zum Faszinosum des Akkords, sondern vor allem zum Rhythmus. Schlagzeuger wollte er werden und ist es geworden. Als Schlagzeuger mit Konservatoriumsabschluss hat er Karriere gemacht, wurde von Hans Moeckel in die unterdessen aufgelöste DRS-Bigband geholt. Er spielte mit Hazy Osterwald und sitzt heute noch am Wochenende hinter der Combo. Die Liebe zum Rhythmus und zur Malerei hat René Gubelmann verschmolzen, das scheinbar Duale ist zur Einheit geworden. Die Wahrnehmungsforscher kennen seit langem das Phänomen der Synästhesie. So wird die Miterregung eines Sinnesorgans bei der Reizung eines andern bezeichnet. Ein synästhetisch begabter Maler hört beispielsweise Musik farbig und kann also Musik malen. Diese Fähigkeit ist nicht selten. Noch häufiger sind die Versuche, auf rationale, systematische Weise Musik in Bilder umzusetzen. Die deutschen Romantiker – allen voran Philipp Otto Runge – waren die ersten, die das Geheimnis, das Farbe und Ton miteinander verbindet, zu ergründen suchten. In der Zeit der Romantik beginnt der Traum von der grossen Verschwisterung aller Künste, ein Traum, der etwa im allen (in der Baubranche tätigen) bekannten Bauhaus tragender Leitgedanke wurde.

Malerei und Musik

Sie kommen beispielsweise in den Bildern der Schweizer Robert Strübin und Jakob Weder zusammen. Es blieb dort allerdings bei bildnerischer Transkribierung von Notenbildern - und Notenbilder klingen bekanntlich nur für jene wenigen, die sie zu lesen verstehen. Alle Nicht-Musiker sind Heuchler und Hochstapler, wenn sie behaupten, dass sie aus Bildern Strübins und Weders Musik heraushören würden. Weltberühmt für seine Musik-Bild-Synthesen ist der Amerikaner John Cage geworden. 

René Gubelmann weiss genau, dass man Musik letztlich nur hören und nie in ähnlichem Mass visuell erfahren kann. Der Schriftsteller Gerhard Meier hat die Frage, was Kunst sei, mit dem Paradoxon beantwortet: "Den schwarzen Schimmel reiten". Also das Unmögliche tun. Auch René Gubelmann versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Der Künstler spielt ihnen nun auf dem Schlagzeug eines seiner Bilder vor, bzw. sie sehen, wie sich Rhythmen in Formen verwandeln.

Schlagzeug

Ich hoffe, dass Sie gesehen und gehört haben, dass sich Gubelmanns Bilder spielen lassen. Natürlich nicht auf eindeutige Weise. Es wäre interessant, nun einen anderen Schlagzeuger mit seiner persönlichen Interpretation zu hören. Vorgegeben sind auf dem Bild die Abfolge und Länge der Töne. Ihre Qualität, also ihre Klangfarbe und –stärke muss der Interpret allerdings intuitiv erfassen. Auf diesen gemalten Schlagzeug-Partituren entspricht jede Bildzeile einem Takt. Ein Viervierteltakt beispielsweise besteht aus vier schräg nebeneinander gestellten Vierecken. Eine Achtelnote malt er als halbes Rhomboid. Auf das Rhomboid ist René Gubelmann gestossen, weil die Rechteckformen es nicht erlauben, sie lesbar aneinander zu reihen. Getrennt nebeneinander gesetzt, hätte sich ein Staccato-Muster ergeben, das wiederum der Wirkung der nachhallenden Töne nicht entsprechen würde. Als Schlagzeuger ist es für Gubelmann auch wichtig, wie der Ton erzeugt wird: Mit der linken oder der rechten Hand. Je nachdem zeigt das Viereck nach links oder rechts. Mehrmals sehen sie Bilder, bei denen ein farblich kontrastierendes Band die zwölf Takt-Reihen akzentuieren. Diese Formung folgt nicht einfach einer Laune, sondern dem 12-taktigen Blues Schema. 

Dass die Bildteilung der Regel des goldenen Schnittes entspricht, kommt nicht von ungefähr. Viele Forschungen haben gezeigt, dass in der Musik ähnliche Gesetzmässigkeiten vorkommen wie in der bildenden Kunst und in der Architektur. Wir wissen, dass schon Pythagoras mithilfe des Monochords musikalische Harmonien in Zahlen übersetzt hat. Auch wer nicht zur Synästhesie begabt ist, verwendet den Begriff 'Klangfarbe'. Töne haben aber nicht nur Farben, sondern auch eine Körperlichkeit. Diese lässt sich zwar nicht im Kubikmass messen, aber sie lässt sich empfinden. So ist es naheliegend, dass René Gubelmann Rhythmen auch in säulenartigen Konstruktionen, in Polyeder-Türmen, räumlich dargestellt hat. René Gubelmanns Werk in zwei- und dreidimensionale Arbeiten aufzugliedern, macht aber keinen Sinn, denn so oder so geht es nur um ein Thema: Den Rhythmus. 

Noch einmal zurück zum Wort 'Klangfarbe'. Notenbilder sind bekanntlich schwarzweiss. Man kann sie sich so schwerlich farbig vorstellen wie die Tasten des Klaviers. René Gubelmann hingegen malt – wenn auch zurückhaltend – farbig. Im Gegensatz zur Rhomboidgrösse, die die Notenlänge angibt, vermittelt die Farbe keine sachlichen Informationen. Sie ist intuitiv eingesetzt, um im Einzelnen die Intensität des Klangs zu charakterisieren und im Ganzen die Stimmung der Musik. So kommt es, dass ein Blues-Bild selbstverständlich eine ganz andere Farbigkeit zeigt als etwa eine Samba-Interpretation. Professionelles Musizieren gelingt selbst dem Genie nicht ohne tägliche Uebung, ohne perfektes Handwerk. Was für die Musik gilt, trifft bei René Gubelmann auch für das Malen zu. Als Sohn eines Malermeisters stellt er an die Machart höchste Ansprüche. Mit dem altertümlichen Instrument des Malstocks bringt er die geometrischen Flächen in grösster Präzision auf die Leinwand. Im Atelier der meisten Konstruktivisten ist das Abdeckband ein mindestens so wichtiges Arbeitsinstrument wie der Pinsel. Nicht so bei René Gubelmann. Mit unglaublich sicherer Hand malt er aus, was er vorher auf die grundierte Leinwand mit Bleistift gezeichnet hat. Als Handwerker mit Leib und Seele ist er vom mechanischen Gleichmass der Air-Brush-Technik bald wieder abgekommen. Ja er will heute, dass der Pinselstrich nicht ebenmässig ist, sondern als Spur des Hand-Werks sichtbar wird. Sie sehen in dieser Ausstellung Bilder aus dem letzten Jahrzehnt. 

Im zentralen Raum, wo sie das Buffet erwartet, hängen auch Werke, die zeigen, wie Gubelmann dahin gelangt ist, wo er sich heute bewegt. Diese Experimente, die spielerische Annäherung an das, was sich heute als sein eigentliches Anliegen erweist, stellt der Künstler bedeutungsmässig hinter die neuen Rhythmusbilder. Sie sind aber hochinteressant, weil sie Facetten einer Künstlerpersönlichkeit sichtbar machen, die der Striktheit des jüngsten Schaffens weniger zu eigen sind. Wahre Künstler sind ambitionierte Künstler. Als Cunot Amiet einmal gefragt wurde, welches sein wichtigstes Werk sei, sagte er ohne lange nachzudenken: "Mein Nächstes!". Das Gelungene befriedigt den Künstler nie, sondern provoziert ihn, über das Erreichte hinauszugehen. Das gilt sowohl für den Maler René Gubelmann als auch für den Musiker René Gubelmann. Er wird Ihnen nun die bereits gespielten Takte neu zu Gehör bringen, abgeändert, bereichert, weiterentwickelt. Was sie nun hören, wartet nur darauf, erneut variiert zu werden.

Text bearbeitet und gekürzt; RG