2000.04.28 - Zürcher Oberländer - John Matheson - Ausstellung 'René Gubelmann - Rhythmusic'

'Rhythmusic'

René Gubelmann ist eine der gar nicht seltenen Doppelbegabungen in den Gebieten Kunst/Musik. Dabei muss jedoch auf einen speziellen Punkt hingewiesen werden, auf das dialektische Verhältnis Interpretation - Intuition. Um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen: Paul Klee war, so sagen es wenigstens Ohrenzeugen, ein hervorragender Geiger, aber er interpretierte die Musik, sprich die Noten und die Stimmungslage der Melodie. Als Maler/Künstler/Zeichner/Ideenfinder dagegen war er, das darf man ruhig sagen, genial. Das Gegenteil finden wir bei Arnold Schönberg: Als Komponist bahnbrechend mit seiner Zwölftonmusik, seine malerischen Arbeiten hingegen hinken bei aller Virtuosität seinem musikalischen Können hinterher. Und erst die Russen: Michail Matjuschin versuchte eine Verbindung dieser beiden Ausdrucksarten, sie ist ihm bei allem Können - ehrlich gesagt - missglückt, ebenso wie Alexander Skrjabin mit seinem 'Farbenklavier' genial scheiterte. Schliesslich, um in die Schweiz zu kommen: Robert Strübin mit seinen 'Musikbildern', in denen er für jeden Ton bestimmte Farben benutzte und die rhythmische Länge durch verschiedene Längen der Figur ausdrückte. Jedoch, ob er sich auf Bach, Chopin oder Strawinsky bezieht, die Bilder bestechen durch ihre Farblichkeit, lassen sie jedoch nie erklingen.

Kommen wir also zu René Gubelmann!

Er, wie erwähnt eine Doppelbegabung, Schlagzeuger der ehemaligen DRS-Big-Band - er hat auch in der Tonhalle und im Opernhaus Zürich gespielt oder getrommelt - und Maler. Beide Berufe - oder sind es vielleicht doch eher Berufungen? - hat er zeitlich parallel gelernt, sei es an der Malerfachklasse der Kunstgewerbeschule Zürich oder klassisches Schlagzeug am Konservatorium Zürich. Was unterscheidet ihn von den vorher erwähnten Malern/Künstlern? Sicher die bereits angetönte Dialektik von Interpretation und Intuition. Ich habe ihn gefragt - auf der Basis einer mir geläufigen Aussage eines bekannten deutschen Schlagzeugers, der in der Kunsthalle Düsseldorf spielte und meinte, dass ihn gewisse Bilder geradezu zu seiner Spielweise inspirierten - ob das auch für ihn gelte. René Gubelmann hat das weit von sich gewiesen, denn als Musiker sieht er sich als reiner Interpret, keine störenden Einflüsse von aussen und sei es selbst von der Kunst ... Ihn, den rhythmisch begabten Menschen, der selbst eine Musikschule "Rhythmus/Notenlesen" verfasst hat, treibt es an, den Rhythmus umzusetzen in seiner Malerei. Dies aber konsequent in der Richtung, dass er keine spielbaren Melodien 'malt', sondern eben nur 'Rhythmen'. Keine Notenschriften also, sondern eher grafische Codes für die Ganz-/ Halb-/ Viertel-/ Achtel-/ Sechzehntel-Werte inklusive der Pausen, der Stille also. Ein Schlagzeuger, der still spielt, pardon - malt!

Synästhesie von seltener Folgerichtigkeit

René Gubelmanns Bilder bestechen als ein Beispiel künstlerisch gestalteter Synästhesie von seltener Folgerichtigkeit. Als ausgebildeter Schlagzeuger und Vibraphonist einerseits, als ausgebildeter Maler andererseits bringt er für eine solche, zwei gestalterische Disziplinen verklammernde Struktur selten gute Voraussetzungen ein. Wir beide haben uns lange überlegt, ob er nicht auch Proben seines musikalischen Könnens zu Gehör bringen soll. Wir sind davon abgekommen, verzichten ganz bewusst darauf, nur der Maler soll hier zu Gehör, pardon - zu Augen kommen. Eine ganze Menge Arbeit steckt hinter seinen Bildkompositionen und handwerkliche Präzision: Seine kristallklaren geometrischen Figurationen sind nicht, wie bei einigen konkreten Malern, abgeklebt, sondern frei aus der Hand gemalt - gemalt voller Lust und Freude.

Freiheit

Er ist ein Glücksmensch: Heute kann/darf er musizieren, morgen oder gestern oder sogar noch heute darf, nein, will er malen. Jelly Roll Morton, der grosse frühere Jazz-Pianist und Band-Leader, hat einmal zu seinen Mitmusikern gesagt, dass sie ihm eine grosse Freude bereiten würden, wenn sie nur die von ihm hingekritzelten schwarzen Kleckse, gemeint waren die Noten, spielen würden und sonst nichts weiter. Aber die gleichen Musiker sagten, dass sie in den 'Red Hot Peppers-Combos' die allergrösste Freiheit des Musizierens fanden. Beschränkung auf das Thema 'Rhythmus' und es darzustellen, diese Freiheit ermöglicht René Gubelmann, seine Werke zu schaffen. Wir Betrachter können in den Zustand des Füssewippens oder Fingerschnippens gelangen, aber dann bitte im Takt. Die Bilder und die Plastiken geben es vor.

Text bearbeitet und gekürzt; RG