Thomas M. Paul, Kunsthistoriker, Seeshaupt/München

Module, die Rhythmen vermitteln

Der Dietiker Künstler René Gubelmann ist Musiker. Und auch als Maler bleibt er Musiker. Sein Instrument ist das Schlagzeug, seine Werkzeuge die Trommelstöcke. Die hält er in der rechten und in der linken Hand und damit schlägt er den Takt. Da liegt es nahe, dass er sich in seiner bildend künstlerischen Arbeit mit der Visualisierung von Noten respektive Taktfolgen beschäftigt. Gubelmanns Bilder bestehen aus einfachen geometrischen Formen: Parallelogramme. Mit Hilfe dieser, jeweils nach rechts oder links ausgerichteten Zeichen, die die jeweilige Schlaghand symbolisieren, werden komplexe musikalische Rhythmen auf einfache Weise abgebildet. Es entstehen Bilder, die auf eindringliche Art und Weise verdeutlichen, dass Harmonie in der Ganzheit entsteht. Denn so, wie es wahrscheinlich nicht möglich ist, ein Symbol, isoliert von allen anderen, mit einer bestimmten Bedeutung aufzuladen, so ist es nicht möglich, einen Takt isoliert als Musik wahrzunehmen. Noch nicht einmal als Teil davon. Genau so wie Objekte immer erst im Kontext mit anderen Objekten einen Sinn ergeben, so ergibt erst die Konstellation verschiedener Takte einen harmonischen Rhythmus. Das heißt nicht, dass die Takte nicht voneinander getrennt werden können. Gubelmann löst sie voneinander, indem er die Schläge in linke und rechte Hand unterteilt und so für ein zweidimensionales Medium – sprich: die Leinwand – sichtbar macht. Oder in seinen Plastiken auch in eine dritte Dimension übersetzt. Dennoch: Genauso wie eine Melodie erst in der Aneinanderreihung verschiedener Takte entsteht, so schafft erst die Verbindung ihrer Symbole Bilder von der Energie und Harmonie, wie sie Gubelmanns Werken innewohnt. 

Dass sich Gubelmanns Bilder als konstruktive Kunst manifestieren, schon fast als 'konkret' gelten können, ergibt sich zwingend aus der Formalität der Musik. Die Töne, deren Abfolge die Wahrnehmung von Musik überhaupt erst ermöglicht, enthalten per se keinen Hinweis auf Dinge. Sie sind reine Syntax: Noten, Akkorde, Takte, Sätze ... Und sie bedeuten immer nur das, was sie darstellen: Vierteltakte, Achtel- oder Sechszehnteltakte, Duolen, Triolen oder Quartolen . In diesem konkreten Sinne gestalten sich Takte als reine Grammatik, als mathematische Gleichungen. Gleichwohl stimmt etwas an dieser formalisierten Betrachtungsweise nicht: Warum wird eine Musik als tiefer und schöner empfunden als eine andere? Ein Grund ist ihre Form. Die Form ergibt den Ausdruck. Und genauso ist es bei den Bildern von René Gubelmann: Die Auswahl der Taktsequenzen und die Bestimmung der jeweiligen Farben erheben das Bild erst über die reine Abbildung hinaus. Der Takt, der Rhythmus, die Harmonie – sie erhalten ihre Schönheit durch die Farbwahl. Die Farben machen ein Bild erst komplett. Man stelle sich alle Bilder in Schwarz-Weiß vor, dann kann man die Argumentation nachvollziehen. 

Gubelmann trifft mit seinen Werken unsere Netzhaut so, wie Mozart oder Duke Ellington unser Trommelfell. Und in dem Maße, wie Musik individuell wahrgenommen wird, lesen sich auch Gubelmanns Bilder. Sie erwachen im Auge des Betrachters und werden insofern 'individuell entschlüsselt'. Und das hebt ihre künstlerische Qualität weit über das Gegenständliche hinaus. Sie sind grammatikalische Methaphern für den Rhythmus der Taktsequenzen, für das visualisierte Musikstück, für das Auf und Ab des Lebens.

Originaltext

Regina Lange, Kunstwissenschaftlerin und Galeristin, Meilen/Zürich

Kurztext

René Gubelmann ist als Schlagzeuger – lange in der Radio DRS Bigband – ein Begriff. Begreiflich auf ganz eigene Weise wird Rhythmus in seinen Bildern, die auf farbigen Umsetzungen von Notationen beruhen und überraschend eigenartige, räumliche Formen beherbergen, von denen ausgehend er auch Skulpturen schafft.

Pressetext

Man kann über die Bilder von René Gubelmann nur sprechen, wenn man diese Grundvoraussetzung im Auge behält: Er ist eine Doppelbegabung. Er spielt rhythmisches Schlagzeug und melodisches Xylophon und er ist Maler. Bereits seit seinen beruflichen Anfängen interessieren ihn Verbindungen zwischen Malerei und Musik. Aber seine Bilder sind keine Umsetzung von Klängen, von Melodien oder Kompositionen, wie sie etwa Robert Strübin geschaffen hat, der jedem Ton einen bestimmten Farbwert zuordnete. Als Schlagzeuger beginnt er mit der klaren Definition des einzelnen Schlags, das heisst ganz streng, mit der einzelnen Form, und der Bewegung und Ausdehnung derselben in der Zeit. Jeder Schlag hat eine bestimmte Dauer, bevor der nächste erfolgt, er hat eine Richtung (vom Spielenden aus gesehen, nämlich mit rechts oder mit links gespielt). René Gubelmanns Bilder sind zunächst ganz einfach: Notationen der jeweils mit rechter und linker Hand gespielten Schläge – und man kann sie nachspielen. Doch die abgespielte Notation zeigt einerseits nicht den Reichtum, der sich klanglich aus der Variation und Improvisation über dem rhythmischen Thema ergäbe - und: Die Notate als Bilder sind ihrerseits visuell reicher als man zunächst vermuten möchte. Denn es entstehen im Bild räumliche und plastische Wirkungen, die rein visueller Natur sind, zu denen man gar keine Entsprechung im Klangbereich finden kann. Diese Wirkungen entfalten sich durch die gewählten Farben oder die Formkomplexe, die das Auge des Betrachters aus den einzelnen Notenformen – links- oder rechtsgeneigte Rhomben, je nach Tondauer von unterschiedlicher Grösse, – konstruiert. In gewisser Weise wird der Bildbetrachter vor den Arbeiten von René Gubelmann zu demjenigen, der sie mit den Augen 'spielt', da er sie immer wieder zunächst in ihrer Struktur, sodann in ihrer Gesamtwirkung untersucht, abtastet, Element für Element nachvollzieht und wieder umschwenkt zur Wahrnehmung des Ganzen. Er wird spüren, dass er auf ein Bild sowohl zeitlich gedehnt durch schrittweises 'Ablesen' als auch augenblicklich, durch das statische Erfassen des Ganzen reagiert. Die spezifischen Eigenarten, die Parallelen und die Berührungspunkte von Sehen und Hören sind ins Licht gestellt: Sehen Sie also, um zu Hören. Hören Sie, um zu Sehen.

Peter Killer, Kunstkommunikator, Olten

Pressetext

René Gubelmanns Bilder sehen ähnlich aus wie Werke vieler geometrischer Künstler. Präzise gemalt, klare Formen, die definierten Ordnungen folgen. Mit den berühmtesten Schweizer Konstruktivisten wie Bill, Lohse, Graeser ist René Gubelmann fern verwandt, aber nur fern, da diese bekanntlich ihre Werke ausnahmslos innerhalb eines Rechtwinkelsystems aufbauten. Der erste Blick täuscht. Bei René Gubelmanns Kunst geht es letztlich nicht um die Liebe zur Geometrie. 

René Gubelmann, 1947 in Zürich geboren, fühlt sich seit seiner Kindheit zur Malerei ebenso stark hingezogen wie zur Musik. Schlagzeuger wollte er werden und ist es geworden. Als Schlagzeuger mit Konservatoriumsabschluss hat er Karriere gemacht, wurde von Hans Moeckel in die unterdessen aufgelöste DRS-Bigband geholt. Er spielte mit Hazy Osterwald und sitzt heute noch am Wochenende hinter der Combo. 

Die Liebe zum Rhythmus und zur Malerei hat René Gubelmann verschmolzen, das scheinbar Duale ist zur Einheit geworden. Er weiss genau, dass man Musik letztlich nur hören und nie in ähnlichem Mass visuell erfahren kann. 

Jede Bildzeile auf Gubelmanns Rhythmus-Gemälden entspricht einem einzigen Takt. Ein Viervierteltakt beispielsweise besteht aus vier schräg nebeneinander gestellten Vierecken. Auf das Rhomboid ist René Gubelmann gestossen, weil die Rechteckformen es nicht erlauben, sie lesbar aneinander zu reihen. 

Als Schlagzeuger ist es für Gubelmann auch wichtig, wie der Ton erzeugt wird: Mit der linken oder rechten Hand. Je nachdem zeigt das Viereck nach links oder rechts. 

Der Begriff 'Klangfarbe' hat in unserem Wortschatz einen selbstverständlichen Platz. Töne haben aber nicht nur Farben, sondern auch eine Körperlichkeit. Sie lässt sich zwar nicht im Kubikmass messen, aber lässt sich empfinden. So ist es naheliegend, dass René Gubelmann Rhythmen auch in säulenartigen Konstruktionen räumlich dargestellt hat. René Gubelmanns Werk in zwei- und dreidimensionale Arbeiten aufzugliedern, macht aber keinen Sinn, denn so oder so geht es nur um ein Theme: Den Rhythmus.